oder “Chronik eines angekündigten Todes“. So läßt sich die Kolumne “Jenseits des Tellererands – Teil 9″ von Frank Westphal und Tammo Freese aus dem Java Magazin 6/2006 (Kopie vorliegend) beschreiben, in der es ganz Web 2.0 “The Web is the new Desktop” um die vermeintliche Wachablösung des einstigen Superstars Rich Client durch Web Clients im Verbunde mit Ajax geht. Johannes Link leitet den witzig geschriebenen Text so ein:

In Zeiten der Globalisierung verlieren alte Vorsätze bisweilen schneller ihre Bedeutung, als uns lieb ist. Wenn die Konkurrenz am einen Ende der Welt vorlegt, muss manchmal am anderen Ende schnell nachgezogen werden. Dies erlebt auch unser Freund Rich, der doch gerade noch voll im Trend lag.

Hier die Kolumne:

Rich Client vs. Web Client

Archies Telefon klingelt. Wir sehen, wie er sein Handy aus der Innentasche seines Jackets zückt. Wir hören, wie er einen Seufzer rauslässt, als er sieht, wer dran ist.

A: “Richie, altes Haus …”

R:“Hey, Archie! Warum hast du mich nicht angerufen? Mir ist zu Ohren gekommen, der Deal ist durch!?”

A: “Wovon redest du, Rich?”

R:“Versuch’ keine Spielchen, Archie, du weißt genau, wovon ich spreche – alle Blogger schreiben davon!”

A: “Die Blogger schreiben viel, nicht, Rich? Spielst du auf die Clientseite unserer neuen Applikation an? Die Rolle ist besetzt.”

R:“Machst Du Witze? Letztes Jahr hast du mir …”

A: “Letztes Jahr ist letztes Jahr, Rich. Wir machen jetzt wieder Web. Das ist die große Sache jetzt!”

R:“Web? Du meinst im Browser? Ich dachte, ihr hättet aus der Geschichte vor – wann war das? – sechs Jahren eure Lehren gezogen? ‘Nie wieder Web’, hast du mir …”

A: “Vor sechs Jahren ist vor sechs Jahren, Rich. Jetzt ist alles anders.”

R:“Wer hat die Rolle? Doch nicht etwa Flash?”

A: “Nein, nicht Flash. Obwohl wir noch darüber nachdenken, ihm eine Nebenrolle zu geben.”

R:“Für dieses aufgeblasene Spielkind habt ihr eine Rolle und mich behandelt ihr …”

A: “Beruhige Dich, Rich! Flash ist für die Rolle wie geschaffen, er hat …”

R:“Er hat was?”

A: “Ich dachte, du wüsstest es schon: Wir denken, dass Flash der nächste Superstar auf dem Mobile sein wird, Rich.”

R:“Flash auf dem Handy? Du hast wohl zu viel von dem weißen Zeug …”

A: “Eigentlich wollten wir Java für die Rolle haben. Aber hast du ihn dir mal kürzlich angeschaut? Er ist so aufgedunsen wie seit Elvis schon lange keiner mehr. Unsere …”

R:“Gebt ihm noch eine Chance, Archie. Ich bitte dich!”

A: “Unsere Geldgeber haben nasse Füsse bekommen. Javas Footprint ist einfach zu groß geworden, sagen die Berater. Keine zweite Chance, Richie. Tut mir leid!”

R:“Was ist nur aus ‘Write once, run anywhere’ geworden?”

A: “Das Web, Rich – das Web ist ‘Write once, run anywhere’.”

R:“Ihr macht einen Fehler … einen großen Fehler!”

A: “Wach’ auf, Richie! Die Leute installieren sich heute nicht mehr so leicht neue Software wie noch vor ein paar Jahren.”

R:“Hast du die aktuellen Zahlen von Skype gesehen? Kein anderes Programm hat so schnell auf die Festplatten der Benutzer gefunden wie der VoIP-Dienst. Und weißt Du, warum das so ist?”

A: “Geiz ist geil?”

R:“Nein, Archie, weil sich native Anwendungen viel besser ins erwartete Bild einpassen. Außerdem will doch niemand seine privaten Daten über das ganze Netz verteilen, sondern lokal zugreifen können.”

A: “Du hast die Rechnung ohne die Nutzer gemacht. Die wollen sich keine Software mehr ans Bein binden lassen. Ex und hopp ist deren Devise.”

R:“In der Corporate World haben die Leute keine Wahl …”

A: “Mag ja sein, aber wir haben eine. Und unsere neue Nummer eins braucht kein Web Start und auch keinen Update-Service. Was sagst du nun?”

R:“Ihr macht einen großen Fehler! … Wie heißt er?”

A: “Sie! Wie heißt sie? AJAX wird sie genannt.”

R:“Ich lach’ mich weg. Wie das Putzmittel?”

A: “Du solltest sie sehen: Sie macht eine verdammt gute Figur!”

R:“Ihr baut die Zukunft eurer Architektur auf ein Putzmittel? Jetzt seid ihr wohl völlig durchgedreht!?”

A: “Sie hat zwar noch nicht alle Dialoge und Schritte so gut drauf wie du … dafür hat sie im vergangenen Jahr so große Fortschritte gemacht, dass wir uns gar nicht mehr vorstellen können, wie wir jemals ohne sie zurecht kommen konnten.”

R:“Führt sie ihre Stunts auch selbst aus, so wie ich?”

A: “Sie ist cool, Rich – cool wie Tank Girl und Lara Croft zusammen!”

R:“Kann sie Drag ‘n’ Drop?”

A: “Sie hat die letzten Monate mit script.aculo.us trainiert, was denkst du?”

R:“Erzähl’ mir nicht, sie kann live sortieren, Auto-Completion, grafische …”

A: “Rich, sie bringt ein halbes Special FX Department mit und arbeitet eng mit dem neuen Canvas-Element zusammen.”

R:“Verdammt! Ich wusste, da ist was im Busch …”

A: “Richie, du bist immer noch riesig. Du bist für uns nicht aus der Welt, momentan sind uns andere Facetten aber wichtiger …”

R:“So? Javascript ist euch also wichtiger als eine richtige Programmiersprache?”

A: “Hey, alle neuen Javascript-Frameworks sind rein objektorientiert. Konzeptionell ist die Sprache viel sauberer als unser geliebtes Java. Dynamische Sprachen sind ganz groß auf dem Vormarsch …”

R:“Mensch, Archie … weißt du noch, als ich auf der Titelseite vom Java Magazin war? Wir haben tolle Sachen zusammen gedreht!”

A: “Zeiten ändern sich, mein Freund!”

Eine kleine Einführung über “Webtops” gibt es u.a. vom WDR in der WebTV-Reihe WebMedia: Artikel und Sendung (Real Player Stream).

Kleines Update meinerseits: zu den in der Sendung genannten Diensten Zoho Writer und Num Sum muss man inzwischen auch auf Google Spreadsheets und Writely (gehört ebenfalls zu Google) hinweisen. Damit stellt sich auch schon die vieldiskutierte Frage Nr. 1: Will man dem schon als Datenkrake benannten ehemaligen Suchdienst und jetzt ausgewachsenem Google-WebUniversum seine Daten anvertrauen? Die WebOffice-Sparte wird von Google gezielt ausgebaut, die Anbindung an Gmail und Google Reader bietet zwar ein massiv ajaxifiziertes Rundum-Sorglos(?)-Paket aber eben auch jene Bedenken in Richtung Datenschutz und Privatsphäre. Man entscheide selbst. Die Palette WebOffice abrunden würden auch der Google Calendar und Backpack (Demos) sowie Zimbra (Demos) zur Online-Collaboration und zum Lightweight-Projektmanagement,

Übrigens: Frank Westphal hat eine ausführliche Zusammenfassung des Status Quo im Web 2.0 zum Download im Angebot, entstanden auf einer JAX-Konferenz. Man beachten den Präsentationsstil, an dem werde ich mich auch bald in Seminaren versuchen …




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